Montag, 20. Mai 2019

25.000 Euro von der Gemeinde bereitgestellt

Aufarbeitung der Arisierung wird fortgesetzt

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Ilvesheim, 06. Oktober 2014. (red/ms) Während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurden in den 30-er und 40-er Jahren Millionen von Juden aus der Heimat vertrieben, in Konzentrationslager abgeschoben und ermordet. An ihren BesitztĂĽmern bereicherten sich andere – nicht nur PrivatbĂĽrger, sondern auch Städte und Gemeinden. Im Fall von Ilvesheim wird „geschätzt“, dass die Kommune siebzehn Gebäude von deportierten Juden erworben und gewinnbringend weiterverkauft hat. Bei weitem nicht alle Verbrechen sind abschlieĂźend geklärt. Mit dem Projekt „Arisierung und Wiedergutmachung in Ilvesheim“ soll aufgearbeitet werden, was möglich ist. Während zu Beginn mit einer sehr schlechten Quellenlage gerechnet wurde, fand man nun deutlich mehr Dokumente als angenommen. Um diese auszuwerten, stellt die Gemeinde weitere 25.000 Euro zur VerfĂĽgung. 

Von Minh Schredle

Markus Enzenauer ist hauptverantwortlich für die Aufarbeitung der Arisierung in Ilvesheim. Er hat einen Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim und arbeitet seit 2013 an dem Projekt. Im Februar diesen Jahres präsentierte er seine Ergebnisse dem Gemeinderat.

arisierung mannheim buch kleinBei seinen Recherchen fand er deutlich mehr Quellen als ursprünglich angenommen wurde. Um alles auswerten zu können, braucht er mehr Zeit und mehr Geld. Daher wird Ilvesheim das Projekt im kommenden Jahr mit maximal 25.000 Euro finanzieren.

Die Heinrich-Vetter-Stiftung hat sich bereit erklärt, einen ähnlich hohen, öffentlich nicht genau benannten Betrag beizutragen.

Heinrich Vetter hatte selbst Geschäfte mit Immobilien der vertriebenen und ermordeten Juden gemacht. Die Investition wird als „Wiedergutmachung“ bezeichnet. Insgesamt werden fĂĽr das Projekt also etwa 50.000 Euro bereitstehen – das ist doppelt so viel wie in diesem Jahr.

Doppelte Kosten gleich doppelter Mehrwert?

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Helga Zühl-Scheffer fragte, ob man bei doppelten Ausgaben auch mit dem doppelten Wert an Informationen rechnen könne und welche neuen Erkenntnisse man sich erhoffe. Diese Fragen verursachten scharfe Kritik seitens der SPD. Dagmar Klopsch-Güntner (SPD) sagte:

Es geht hierbei nicht um einen möglichst hohen Mehrwert, sondern um absolute Vollständigkeit. Wenn Dokumente vorhanden und bekannt sind, dann müssen sie auch verwendet werden. Die Aufarbeitung muss weiter vorangetrieben werden.

Alfred Reiser von den Freien Wählern sprach sich gegen eine Fortführung des Projekts aus, betonte dabei aber, dass dies eine persönliche Ansicht und nicht die seiner Fraktion. Er halte es für falsch. Das Thema müsse sensibel angegangen werden und niemand solle bloßgestellt werden:

Ich kenne viele ehemalige NSDAP-Mitglieder und fast alle bereuen inzwischen ihre Taten und haben erkannt wie schrecklich und menschenverachtend das Naziregime gewesen ist. Diese Leute weiterhin öffentlich zu demütigen, das kann ich nicht billigen.

BĂĽrgermeister Andreas Metz entgegnete ihm, dass es nicht die Absicht sei, jemanden zu demĂĽtigen, sondern „die Lehren der Vergangenheit an die nachfolgende Generation weiterzugeben“. Bei der Abstimmung enthielt sich Herr Reiser. Alle anderen Gemeinderäte stimmten der WeiterfĂĽhrung des Projekts zu. Es wird angestrebt, die Resultate in einer Fachzeitschrift zu publizieren.

 

Ăśber Minh Schredle

Minh Schredle (22) hat 2013 als Praktikant bei uns angefangen und war seitdem freier Mitarbeiter. Von Dezember 2014 bis August 2016 hat er volontiert. Ab September 2016 ist er freier Mitarbeiter bei uns.